Entflammbarkeit von Produkten

Eine Studie des Verbraucherrats zeigte, dass bei ca. 2 bis 2,5 Millionen Bränden in Europa pro Jahr 20 000 bis 25 000 Menschen sterben. Ungefähr 80 % davon passieren in privaten Haushalten. Der häusliche Brandschutz sollte deutlich verschärft und leicht entflammbare Produkte weit­gehend eliminiert werden. Allerdings dürfen dabei problematische Flammschutzmittel nicht zum Einsatz kommen! Der Verbraucher­rat hat sich an einem europäischen Normungsprojekt zum Thema Entflammbarkeit von Nachtgewand beteiligt. Leider sind die Anforderungen viel zu schwach ausgefallen und wurden daher von Verbraucher­schützern abgelehnt.

Weiterführende Information

Nach einer britischen Studie (Clothing flammability accidents study, DTI, 1994) ereigneten sich im Vereinigten Königreich zumindest 750 Unfälle mit entflammbarer Bekleidung (13,3 Unfälle pro Million Einwohner). Geschätzte 11 % dieser Unfälle verlaufen tödlich, 30 % führen zu schweren Brandverletzungen. Besonders betroffen sind Kinder unter 14 Jahren sowie ältere Personen über 60 Jahren. Tödliche Unfälle kommen fast nur bei den über 60-jährigen vor. Personen beider Altersgruppen haben es schwer, im Falle einer Entzündung den Brand der Kleidung zu löschen. Nachtbekleidung ist in 28 % der Fälle involviert.

Verbraucherrat-Studien

Der Verbraucherrat hat 1998 am Österreichischen Textilforschungsinstitut (ÖTI) eine Reihe von Nachthemden prüfen lassen. Dabei kamen nicht nur Normprüfungen zur Messung der Flammenausbreitungsgeschwindigkeit zum Einsatz, sondern es wurden auch Versuche mit Schaufensterpuppen durchgeführt. Die Ergebnisse, welche auf Video festgehalten und im ORF gezeigt wurden, machen klar, dass manche Bekleidung innerhalb weniger Sekunden vollständig in Flammen aufgeht.

Allerdings gibt es auch viele Nachthemden, bei denen dies nicht der Fall ist. In Übereinstimmung mit einer finnischen Studie zeigte sich, dass der in nordischen Ländern gebräuchliche ASTM-Test nicht mit den Mannequin-Tests korreliert. Hingegen gibt es eine solche Korrelation sehr wohl bei Verwendung der europäischen Norm EN 1103, welche eine modifizierte Fassung der EN ISO 6941 ist, die bei den Versuchen am ÖTI verwendet wurde. Dabei wird ein Stück Stoff auf einen vertikalen Metallrahmen befestigt (siehe Bild). Darüber werden horizontal in verschiedenen Abständen zur unteren Kante Markierfäden gespannt. Gemessen wird die Zeit vom Beginn des Einwirkens der Prüfflamme (im unteren Bereich) bis zum Zerreißen dieser Fäden durch die Flammen der brennenden Probe.

Problematische Flammschutzmittel

Außerdem hat der Verbraucherrat in den Jahren 1996-1999 drei Studien betreffend die toxikologischen Eigenschaften der Flammschutzmittel initiiert bzw. betreut. Die erste Arbeit war eine Vorstudie, die Zweite befasste sich mit gesundheitlichen Aspekten (“Health aspects of flame retardants in textiles” - PDF-Datei 319KB) und die Dritte mit Umweltgesichtspunkten “Environmental aspects of flame retardants in textiles” - PDF-Datei 108KB). Alle drei Studien wurden von der Abteilung Toxikologie des Forschungsinstituts Seibersdorf durchgeführt. Es wurden konkrete Vorschläge ausgearbeitet, wie eine normative Erfassung der toxischen Wirkungen aussehen könnte.

Machbarkeitsstudie

Die Kommission beauftragte Ende 1997 CEN mit der Erstellung einer Machbarkeitsstudie zur Erarbeitung von Normen, welche Anforderungen hinsichtlich der Entflammbarkeit von Nachthemden enthalten (die oben erwähnten Normen enthalten keine Anforderungen, sondern nur Prüfmethoden). Diese Machbarkeitsstudie wurde im Mai 1999 abgeschlossen. Die wesentlichen Schlussfolgerungen:

Mandat verlangt hohes Schutzniveau

Auf der Grundlage der Machbarkeitsstudie wurde im Jahr 2000 ein Mandat zur Erstellung von Normen beschlossen. Dieses verlangt generell, dass die Feuerbeständigkeit der Nachtbekleidung so hoch wie möglich sein soll. Darüber hinaus sollen noch höhere Anforderungen für Nachtbekleidung festgelegt werden, die für Kinder und Behinderte gedacht ist. Außerdem gibt es noch Bestimmungen hinsichtlich der erlaubten Flammschutzmittel. Unter anderem dürfen nur solche Substanzen eingesetzt werden, die vom Toxikologen-Ausschuss der EU (SCTEE) geprüft und als unbedenklich eingestuft wurden.

Norm bietet wenig Schutz

Der Verbraucherrat beteiligte sich an den Arbeiten, die im Herbst 2001 begonnen haben. Alle Erwartungen wurden schwer enttäuscht. Nach langen heftigen Diskussionen wurde der Normentwurf (prEN 14878) im Jänner 2004 veröffentlicht. Dieser hat zwar durchaus zufriedenstellende Anforderungen für Kindernachtbekleidung enthalten, die sogar noch strenger waren als die britischen Regelungen.

Allerdings gab es praktisch kaum eine relevante Schutzwirkung für Erwachsene. Für diese Nachtbekleidung wurde festgelegt, dass der 3. Markierfaden (in einer Höhe von 52 cm) in nicht weniger als 10 s durchtrennt werden darf. Zum Vergleich: die britischen Regeln für Nachtbekleidung für Kinder sehen 40 s vor. In den vorher angeführten Tests, die der Verbraucherrat durchführen ließ, wurden Werte von 10 s für die am schnellsten brennenden Nachthemden gemessen. Das bedeutet erstens, dass es nur wenige Produkte gibt, welche diese geringen Anforderungen nicht erfüllen und dass sich zweitens gerade für die hauptsächlich betroffenen älteren Menschen nichts zum Besseren ändert. Die tödlichen Unfälle gerade dieser Gruppe waren aber eigentlich der Ausgangspunkt für das Mandat!

Es sollte noch viel schlimmer kommen: nach der Umfrage wurden die Anforderungen noch massiv herabgesetzt. Während im Normentwurf für Kindernachtbekleidung außer Pyjamas noch Anforderungen vorgesehen waren, welche in etwa den akzeptablen britischen Regelungen entsprachen (3. Markierfaden nicht zerstört), bieten die neuen Bestimmungen kaum mehr Schutz (15s bis zum 3. Markierfaden). Noch schlimmer ist es bei Kinderpyjamas. Die ursprünglichen 40s bis zum 3. Markierfaden wurden durch 10s ersetzt. Das bedeutet fast keine Schutzwirkung. Vollends lächerlich wird es bei der Nachtbekleidung für Erwachsene. Hier wurden die ohnehin völlig unzureichenden 10s bis zum 3. Markierfaden überhaupt gestrichen. Nach der gescheiterten ersten formellen Abstimmung wurde der Anwendungsbereich der Norm auf Kindernachtbekleidung reduziert.

Es bleibt noch zu erwähnen, dass auch die Anforderungen hinsichtlich der Flammschutzmittel nicht befriedigend ausgefallen sind. Es gibt es nur die Bestimmung, wonach der Hersteller sicherstellen muss, dass die verwendeten Mittel von einem europäischen wissenschaftlichen Komitee (SCHER) geprüft worden sind und als sicher betrachtet werden. Auch das ist völlig unannehmbar, da es weder eine Liste der erlaubten Substanzen gibt, noch ein Verfahren für ihre Entwicklung vorgesehen ist. Von Verbraucherseite wurde vorgeschlagen, dass nur 2 Substanzen zugelassen werden sollten, die als ausreichend geprüft angesehen werden können: Proban und Pyrovatex. Diese waren von einer Toxikologengruppe selbst für den Einsatz in Spielzeug als unbedenklich bezeichnet worden.

Dieses Normenprojekt hat aus der Perspektive des Verbraucherschutzes zu keinem annehmbaren Ergebnis geführt. Die Norm erhielt bei der ersten formellen Abstimmung keine ausreichende Mehrheit, wurde aber schließlich doch im Mai 2007 veröffentlicht. Eine Publikation der Referenz auf diese Norm im Amtsblatt gab es jedoch nicht. Eine Lösung des sehr unbefriedigenden Status quo ist leider nicht in Sicht. Das gilt auch für weitere Produkte (z.B. Polstermöbel, Heimtextilien), deren mehr oder weniger leichte Entflammbarkeit ebenfalls eine Bedrohung für Verbraucher darstellt.