Kindersichere Verpackungen

Seit vielen Jahren ist der Verbraucherrat auf dem Gebiet der Normierung von Anforderungen für kindersichere Verpackungen tätig. Prüfungen dieser Art werden üblicherweise mit Kindern im Alter von 42­–51 Monaten durchgeführt. Sie haben insgesamt 10 Minuten Zeit, die Verpackungen zu öffnen.

Auf Betreiben der Industrie sollten im Fall einer europäischen Norm für nicht-­wiederverschließbare Verpackungen für Chemikalien wesentlich jüngere Kinder verwendet werden. Verbrauchervertreter stellten sich dem entgegen und konnten die drohende Absenkung des Sicherheitsniveaus verhindern.

Weiterführende Information

Bestimmte gefährliche Chemikalien, die für die Verwendung in Haushalten vorgesehen sind, müssen in kindersicheren Verpackungen angeboten werden. Zur Prüfung jener Verpackungen werden Kinder herangezogen. Sie müssen versuchen, sich innerhalb von fünf Minuten Zugang zum Inhalt zu verschaffen. Gelingt es ihnen nicht, wird ihnen das Öffnen vorgezeigt und anschließend haben sie weitere fünf Minuten Zeit, die Aufgabe zu lösen. Insgesamt darf dies aber höchstens 20 % der Kinder gelingen. Üblicherweise werden Kinder im Alter zwischen 42 - 51 Monaten als Testpersonen verwendet. Der Verbraucherrat ist seit vielen Jahren in jenen Normengremien aktiv, welche Anforderungen sowie die zugehörigen Prüfmethoden definieren und hat auf diesem Feld so manche Auseinandersetzung bestritten.

Untaugliche Norm verhindert

Erstaunlicherweise wurde in einem europäischen Normentwurf (prEN 862) für nicht-wiederverschließbare Verpackungen für nicht-pharmazeutische Produkte, der 1992 das Licht der Welt erblickte, eine andere Altersgruppe festgelegt als sonst. Demnach hätten Kinder zwischen 20 und 41 Monaten für die Prüfungen herangezogen werden sollen. Da jüngere Kinder weit weniger in der Lage sind, diese Verpackungen im Test zu öffnen, hätte dies eine dramatische Absenkung des Sicherheitsniveaus bedeutet. Offensichtlich sollten hier primär die Verpackungen geschützt werden. Nach jahrelangen Debatten hat sich jedoch der Verbraucherrat im Zusammenwirken mit weiteren Konsumentenschützern durchgesetzt. Hinsichtlich des Alters ist es beim bewährten Bereich 42 - 51 Monaten geblieben. Die Norm wurde 1997 veröffentlicht.

Ein vom Verbraucherrat hergestelltes Video hat entscheidend zur Meinungsbildung beige-tragen. Der Film zeigt die sehr unterschiedliche Leistungsfähigkeit von Kindern beider Altersgruppen bei den Tests, welche 1994 in zwei Wiener Kindergärten durchgeführt wurden. Die Untersuchung wurde von Herrn Professor R. Gädeke geleitet, dem ehemaligen Leiter der Vergiftungsinformationszentrale in Feiburg/BRD. Er vertritt den Verbraucherrat am deutschen Normungsinstitut (DIN) in dem zuständigen europäischen Normungsgremium und verfügt über langjährige Erfahrung auf dem Gebiet der kindersicheren Verpackungen.

Es konnte gezeigt werden, dass Kinder zwischen 20 und 41 Monaten vielfach nicht verstehen, was von ihnen verlangt wird und sich häufig nicht einmal trauen, die Verpackungen anzugreifen (selbst wenn es sich um Süßigkeiten handelt). Wenn sie sich mit den Verpackungen beschäftigen, so hält das Interesse nur kurze Zeit an. Daher wären die jüngere Kinder oft nicht einmal in der Lage “normale” (nicht kindersichere) Verschlüsse zu öffnen. Durch das Video wurde offensichtlich, dass beinahe alle Verpackungen als “kindersicher” angesehen werden können, wenn das Alter der Prüfkinder reduziert wird. Eine Kopie des Films ist auf Anfrage erhältlich.

Geringeres Schutzniveau als in den USA

Medikamente gehören zu den häufigsten Ursachen von Vergiftungen bei Kindern. Ein europäischer Normentwurf für nicht-wiederverschließbare kindersichere Verpackungen für diese Produktgruppe wurde im Jahr 2001 erstellt. Leider musste auch dieser Entwurf als unzulänglich beurteilt werden. Konkret geht es hier um die Frage, wie viele Einheiten (Tabletten) die Kinder bei den Prüfungen aufmachen dürfen. Dem Vorbild der deutschen Norm DIN 55559 folgend wurde festgelegt, dass diese Zahl “nicht mehr als Acht” sein darf. Die Größe der Einheiten bzw. deren Toxizität spielt dabei keine Rolle.

Ganz anders sind die gesetzlichen Bestimmungen in den USA. Dort dürfen sich die Kinder keinen Zugang zu einer Dosis verschaffen, die ernsthafte Schäden bewirken kann. Dies ist jedoch bereits bei wenigen Einheiten (im Extrem nur eine Einheit) möglich.

Dabei hatten frühere Entwürfe des Dokuments dieses Problem berücksichtigt. Es war eine Klassifikation von kindersicheren Verpackungen vorgesehen, je nach Anzahl der im Kindertest geöffneten Einheiten. Auf Grund des Drucks der Pharmaindustrie wurde das Konzept fallen gelassen (drei Jahre Arbeit wurden verworfen).

Der Verbraucherrat wollte eine Absenkung des Sicherheitsniveaus gegenüber den US-Bestimmungen nicht akzeptieren. Auf seine Initiative hin hat die europäische Verbrauchervertretung in der Normung (ANEC) ein Projekt zu diesem Thema finanziell unterstützt. Durchgeführt wurde diese Studie, die im Mai 2002 fertig gestellt wurde, von der Medical Toxicology Unit, Guy´s and St.Thomas’ Hospital, London. Die Projektbetreuung lag in den Händen des Verbraucherrats. Die Studie ist auf der ANEC Webseite als PDF-Datei (1248kb) erhältlich: www.anec.org/attachments/ch018-04.pdf

Die wesentlichsten Erkenntnisse:

Die Studie enthält auch einen Leitfaden zur Bestimmung der toxischen Dosis von Medikamenten für Kinder und widerlegt die Behauptung, dass deren Ermittlung nicht möglich sei. Auch dieses Dokument ist auf der ANEC Webseite als PDF-Datei (100kb) erhältlich: www.anec.org/attachments/MTUGuidelinesfinal0205.pdf

Tabletten verpackt in Blister

Die Verbraucherorganisationen haben daher den Normentwurf (prEN 13475) mit aller Entschiedenheit bekämpft. Die CEN Arbeitsgruppe hat zwar die Unzulänglichkeit des Konzeptes eingestanden und dies auch in einer Anmerkung im Text der Norm zum Ausdruck gebracht, diese aber dennoch ohne Änderung der formellen Abstimmung zugeleitet. Das Lobbying der Konsumentenschützer wäre beinahe erfolgreich geblieben: die Norm wurde im Juni 2003 mit nur 72% der gewichteten Stimmen angenommen (erforderlich sind mindestens 71%). Von einem breiten Konsens kann also keine Rede sein.

Ungeachtet der weiteren Entwicklung auf der Normungsebene ist aber klar, dass eine europäische gesetzliche Regelung notwendig ist. Denn die Norm ist ja per se nicht verbindlich. Gesetzliche Vorgaben gibt es nur in wenigen europäischen Ländern. Die umfangreichsten Bestimmungen gibt es in Deutschland. Daher haben die Verbraucherorganisationen eine Kampagne gestartet mit dem Ziel, ein entsprechendes Gesetz in Europa zu verabschieden. Dieses sollte:

Zu diesem Zweck hat der Verbraucherrat eine Konferenz der europäischen Verbraucherorganisationen ANEC und BEUC initiiert. Sie fand am 24. September 2004 in Brüssel statt und wurde von Vertretern der Kommission, des Europaparlaments, der Industrie und der Verbraucherschützter besucht. Die Beiträge zu dieser Konferenz gibt es auf der Webseite der ANEC unter: www.anec.org/attachments/Confernce23Sept.htm

Als nächsten Schritt hat ANEC der Kommission die Durchführung eines Forschungsprojektes vorgeschlagen, welches die ANEC-Studie in größerem Maßstab unter Einbeziehung weiterer Medikamente und Daten aus mehreren Ländern wiederholt. Leider gab es darauf keine Reaktion. Es ist nicht zu erwarten, dass die Kommission die Sache weiter verfolgen wird.

Verschlüsse für Experimentierkästen

Die europäische Norm EN 71-4 enthält Anforderungen für “Experimentierkästen für chemische und ähnliche Versuche”. Unter anderem werden Chemikalienbehälter bzw. deren Verschlüsse behandelt. Die Ausgabe aus dem Jahr 1990 enthielt jedoch nur eine unverbindliche Anmerkung, dass die Behälter mit Verschlüssen ausgestattet sein sollten(!), die den Zugang von Kindern zum Inhalt verhindern.

Auf Grund eines tödlichen Unfalls in Frankreich (ein Kind hatte Kupfersulfat aus einem Chemiekasten geschluckt) wurde von der Kommission 1993 ein Mandat an CEN gegeben, die Anforderungen für Behälter und Verschlüsse zu verschärfen. Kindersichere Verschlüsse sollten verbindlich vorgesehen werden. Entsprechende Anforderungen wurden in die Änderungsnorm (1998) aufgenommen, jedoch wurden die Verschlüsse nicht spezifiziert. Es bliebt daher dem subjektiven Ermessen des Herstellers und der Prüfinstitute überlassen, die “Kindersicherheit” der Verschlüsse zu beurteilen.

Auf Initiative des Verbraucherrates wurde in weiterer Folge eine zweite Änderung der Norm vorgenommen. Alternativ müssen die Verschlüsse nun der Norm für kindersichere Verpackungen entsprechen, einen Bajonettverschluss aufweisen oder ein Werkzeug zum Öffnen erfordern. Die Norm wurde unter der Führung des Verbraucherrates erstellt. Die formelle Abstimmung fand im Herbst 2002 statt und die Norm wurde angenommen.