Kinderlaufhilfen

Zahlreiche Unfälle mit Kinder­laufhilfen — vor allem Stürze über Stiegen mit schweren Kopf­verletzungen — führten in den 90er­Jahren zu Forderungen nach dem Verbot dieser Produkte. In den USA wurden Unfälle durch ein neues Produktdesign und normative Anforderungen dras­tisch gesenkt — Kinderlaufhilfen bremsen beim Überfahren einer Treppenkante. Der Verbraucherrat wurde mit der Ausarbeitung eines europäischen Normentwurfes auf der Basis der amerikanischen Norm beauftragt. Die Norm wurde 2007 angenommen und ist heute de facto verbindlich. Hohe Sicherheit gibt es nun auch für europäische Kinder.

Weiterführende Information

Die Verwendung von Kinderlaufhilfen ist seit vielen Jahren heftig umstritten. Immer wieder gab und gibt es schwere Unfälle, die mit der erhöhten Mobilität der Kinder in Zusammenhang stehen. Da sich Kinder beim Gebrauch dieser Geräte mitunter sehr schnell Gefahrenstellen nähern, ist ein Einschreiten von Aufsichtspersonen nur eingeschränkt möglich. Vor allem Stürze über Stiegen mit schweren Kopfverletzungen können die Folge sein.

Bereits in den frühen 80er Jahren sind wissenschaftliche Publikationen erschienen, die vor diesen Gefahren warnten. Besonders umfangreich ist das Datenmaterial in den Vereinigten Staaten von Amerika. Demnach wurden im Jahr 1993 25.000 Kinder - fast alle im Alter zwischen 5 und 15 Monaten - nach Unfällen mit Laufhilfen in Spitälern behandelt. Die Kosten dafür wurden auf 90 Millionen Dollar geschätzt. In den Jahren 1989 bis 1993 wurden auch elf Todesfälle registriert. Die Gesamtzahl der Unfälle mit Verletzungsfolgen war natürlich beträchtlich höher, da Behandlungen auch bei praktischen Ärzten durchgeführt wurden - was statistisch nicht erfasst wurde - oder keine unmittelbare medizinische Betreuung erforderlich war.

80 % Stürze über Treppen

In rund 80 % der Unfälle handelte es sich um Stürze über Treppen. Darüber hinaus wurden auch andere Unfallursachen, wie z.B. das Umkippen von Kinderlaufhilfen oder Verbrühungen durch heiße Flüssigkeiten registriert. In diesen Untersuchungen wurde auch aufgezeigt, dass Stürze über Treppen mit Kinderlaufhilfen schwerere Verletzungen be-wirken, als Stürze ohne Kinderlaufhilfen. Bei schwerwiegenden Verletzungen, deren Anteil bei rund 25 % liegt, standen Kopfverletzungen (Schädelbruch, Gehirnerschütterung) klar an der Spitze. Schließlich wurde auch festgehalten, dass Kinderlaufhilfen hinsichtlich der Unfallhäufigkeit bei Kinderbedarfsgegenständen an der Spitze liegen. Untersuchungen in Deutschland, Österreich und einer Reihe weiterer Länder zeigten, dass sich die jeweiligen Daten nicht grundsätzlich von den in den USA erhobenen Werten unterscheiden.

Weniger Unfälle durch neues Design

Als Folge des von Kinderärzten und Konsumentenschützern geforderten Verbots von Kinderlaufhilfen wurde in den Vereinigten Staaten von Amerika schließlich eine Norm (ASTM F 977-96) erstellt, die unter anderem Stürze über Treppen verhindern soll. Bei der Prüfung nach dieser Norm wird eine Kinderlaufhilfe über eine Testplattform (ein Tisch mit Parkettoberfläche) in Richtung der Kante gezogen und muss dort - ohne abzustürzen - zum Stillstand kommen. Erreicht wird dies durch Gummibänder, die an der Unterseite des Rahmens der Kinderlaufhilfen angebracht werden. Sobald die ersten Räder die Kante überfahren, sinkt der Rahmen ab. Die Bremswirkung wird durch Schleifen der Gummi-bänder an der Oberfläche des Bodens erzielt. Dieses einfache Prinzip ist äußerst wirkungsvoll. Nach amerikanischen Angaben sind die Unfallzahlen wenige Jahre nach Einführung der Kinderlaufhilfen dieses Typs dramatisch zurückgegangen. Die rund 25.000 Unfälle pro Jahr Anfang der 90er Jahre konnten so auf etwa 8.800 Unfälle im Jahr 1999 gesenkt werden.

Verbraucherrat entwirft europäische Norm

In weiterer Folge haben sich die europäischen Verbraucherorganisationen darum bemüht, dass die Europäische Kommission ein Mandat zur Erstellung einer europäischen Norm nach amerikanischem Vorbild erteilt, was schließlich 1997 erfolgte. Zu diesem Zeitpunkt war zwar schon eine europäische Norm in Ausarbeitung (EN 1273 “Kinderlaufhilfen - Sicherheitstechnische Anforderungen und Prüfverfahren”), diese hat jedoch die wesentlichen Gefahrenmomente, die mit der Mobilität in Verbindung stehen, nicht berücksichtigt.

Daraufhin wurde eine Ausschreibung durchgeführt, an der sich insgesamt sieben Institutionen/Laboratorien aus Deutschland, England, Holland, Italien, Portugal und Österreich beteiligten. Die Aufgabe, einen Normentwurf auszuarbeiten, wurde schließlich dem Verbraucherrat am Österreichischen Normungsinstitut (in Kooperation mit dem Verein für Konsumenteninformation) übertragen.

Die bestehende US-Norm wurde nicht einfach übernommen. Nach ausführlichen Prüfungen wurden - dort, wo notwendig - Änderungen vorgeschlagen. In einem Wiener Kindergarten wurden Geschwindigkeitsmessungen mit Hilfe einer Kinderlaufhilfe, die mit einem Tachometer ausgerüstet war, durchgeführt. Die beobachtete Maximalgeschwindigkeit lag bei 4,5 km/h. Wie sich zeigte, liegen die nach den US-Prüfbestimmungen erreichten Geschwindigkeiten der Kinderlaufhilfen auf der Testplattform nur bei etwa 3,8 km/h. Daher wurde eine entsprechende Anhebung empfohlen. Neben den Stürzen über Treppen wurden auch weitere Aspekte behandelt. So wurden Testmethoden für die dynamische Stabilität (Festigkeit beim Aufprall auf ein Hindernis) und für Feststellbremsen entwickelt. Eine Zusammenfassung der Arbeiten gibt es hier als PDF-Datei (“Baby walking frames - Summary”, 11KB).

Der Bericht des Verbraucherrates wurde im April 2001 vom zuständigen technischen Komitee der europäischen Normungsorganisation CEN (CEN TC 252 “Artikel für Säuglinge und Kleinkinder”) angenommen. Nicht alle Vorschläge wurden in den endgültigen Normentext aufgenommen (z.B. die oben erwähnte Geschwindigkeitserhöhung). Dennoch wird die Norm die Sicherheit von Kinderlaufhilfen beträchtlich erhöhen.

Es dauerte noch geraume Zeit bis die Norm schließlich im Februar 2005 angenommen wurde. Das Projekt, welches insgesamt 8 Jahre dauerte, kann man kaum als leuchtendes Beispiel effizienter Normungsarbeit bezeichnen. Zuletzt wurde noch von einigen Herstellern versucht die Norm zu Fall zu bringen, was beinahe gelungen wäre.

Der nächste Schritt war die Veröffentlichung der Verweisung auf diese Norm im Amtsblatt der EU um sie in Europa de facto verbindlich zu machen. Allerdings hat das weitere Jahre gedauert nachdem einige Gruppen ein Verbot von Kinderlaufhilfen nach kanadischem Vorbild gefordert hatten. Die Kommission vertagte die Entscheidung um weitere Überlegungen anstellen. Erst im Dezember 2008 wurde die endgültige Entscheidung getroffen, dass die Norm mit der allgemeinen Sicherheitsanforderung der Allgemeinen Produktsicherheitsrichtlinie (2001/95/EG) hinsichtlich der Risiken, die sie abdeckt, übereinstimmt. Die Veröffentlichung im Amtsblatt erfolgte im Jänner 2009.