Weichmacher im Spielzeug

Der Verbraucherrat hat mehrere Studien zum Thema Freisetzung von Weichmachern aus Spielzeug in Auftrag gegeben. Bei praktischen Lutschexperimenten mit Studenten/innen — weltweit die ersten dieser Art — konnte gezeigt werden, dass die gelösten Mengen weit höher sein können, als bei statischen Migrationsprüfungen von Lebensmittelkontaktmaterialien. Der Verbraucherrat hatte auch eine führende rolle bei der Ausarbeitung von analytischen Methoden für Weichmacher bei der Normung von Chemikalien in Spielzeug. Außerdem vertritt er die europäischen Verbraucherorganisationen in einer Arbeitsgruppe der Kommission betreffend Chemikalien in Spielzeug.

Weiterführende Information

Seit vielen Jahren befasst sich der Verbraucherrat intensiv mit dem Thema “Freisetzung von Chemikalien aus Kunststoffen”. Im Rahmen einer Diplomarbeit am Institut für Lebensmittelchemie der Technischen Universität Wien wurde 1996/97 das Migrationsverhalten eines Weichmachers (Diäthylhexylphthalat) aus einer PVC-Folie untersucht. Es zeigte sich, dass unter Praxisbedingungen weit höhere Mengen der Substanz freigesetzt werden, als dies bei üblichen Prüfungen von Lebensmittelverpackungen zum Ausdruck kommt. Der bei Lutschversuchen ermittelte Wert lag etwa um das 25-fache über dem Ergebnis von statischen Migrationsprüfungen, bei welchen die zu prüfenden Materialien in eine definierte Lösung (Simulans) einfach eingetaucht werden. Von Bedeutung ist dies im Hinblick auf Spielzeug und Kinderartikel, welche von kleinen Kindern in den Mund genommen werden.

Bedenklich hohe Freisetzung

In einer weiteren Diplomarbeit stand die Freisetzung von Phthalaten aus PVC – Beißringen im Mittelpunkt. Wiederum wurden, wie schon in der ersten Arbeit, praktische Lutschversuche durchgeführt. Es bestätigte sich auch bei diesen Produkten, dass die Migration beim Lutschen oder Beißen deutlich höher ist als bei statischen Laborprüfungen. Damit können bedenklich hohe Mengen dieser Substanzen von kleinen Kindern aufgenommen bzw. die entsprechenden Grenzwerte überschritten werden. Die Arbeit wurde publiziert (“Migration of DEHP and DINP from PVC articles” - PDF-Datei 48KB)

Die bisher durchgeführten Untersuchungen sind, wie eine Reihe von Anfragen aus dem Ausland zeigen, auf großes Interesse gestoßen. Dem Beispiel des Verbraucherrates folgend wurden im Rahmen einer groß angelegten niederländischen Studie später gleichfalls praktische Lutschexperimente durchgeführt. Unter anderem wurden die Ergebnisse der Studien vom EU Scientific Committee on Toxicity, Ecotoxicity and the Environment (CSTEE) - ein europäischer Toxikologenausschuss, der die Kommission berät - bei der Bewertung dieser Chemikalien herangezogen.

Die Kommission hat 1999 vorläufige Anwendungsverbote von Phthalaten in Spielzeug und Kinderartikeln erlassen, welche bestimmungsgemäß von Kindern bis 3 Jahre in den Mund genommen werden. Umwelt- und Verbraucherorganisationen haben hingegen vehement ein permanentes Verbot von Phthalaten in allen Produkten gefordert, die für Kinder dieser Altersgruppe bestimmt sind. Unter Druck der Industrie wollte die Kommission zunächst anstelle eines Verbots einen Migrationsgrenzwert festlegen. Allerdings haben die Mitgliedsstaaten dies abgelehnt.

Im Dezember 2005 wurde schließlich die Richtlinie „betreffend Beschränkungen des Inverkehrbringens und der Verwendung gewisser gefährlicher Stoffe und Zubereitungen (Phthalate in Spielzeug und Babyartikeln)“ beschlossen (2005/84/EG). Diese sieht vor, dass die Phthalate DEHP (Diethylhexylphthalat), DBP (Dibutylphthalat) und BBP (Butylbenzylphthalat) in Kinderartikeln und Spielzeug generell nicht verwendet werden dürfen (Grenzwert 0.1%). Darüber hinaus werden DINP (Diisononylphthalat), DIDP (Diisodecylphthalat) und DNOP (Di-n-octylphthalat) in Spielzeug, welches in den Mund gesteckt werden kann, verboten (Grenzwert 0.1%). Diese Beschränkungen wurden später in den Anhang XVII von REACH (1907/2006) übernommen.

In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass Phthalate nur eine kleine Gruppe aus dem gesamten chemischen Repertoire darstellen, welches in Spielzeug eingesetzt wird. Daher hat die Kommission 1996 CEN beauftragt, entsprechende Normen zu erarbeiten. Sie sollten die wesentlichen Substanzgruppen - Lösemittel, Konservierungsstoffe, Farbstoffe, Weichmacher, Monomere und Flammschutzmittel - abdecken.

Verbraucherrat “Leitlabor”

Der Verbraucherrat hat sich gemeinsam mit dem Institut für Lebensmittelchemie der Technischen Universität Wien (heute: Institut für Verfahrenstechnik, Umwelttechnik und Technische Biowissenschaften) als “lead laboratory” (das “Leitlabor” arbeitet die Methode aus, welche anschließend von zwei “peer review laboratories” überprüft wird) für den Bereich Weichmacher (außer Phthalate) beworben und wurde für diese Aufgabe auch ausgewählt.

Doch zunächst mussten die einzelnen Weichmacher, welche in die Norm aufgenommen werden sollen, festgelegt werden. Die Auswahl erfolgte auf der Grundlage von Empfehlungen einer Toxikologengruppe. Ursprünglich befanden sich 33 Substanzen auf der Liste der zu prüfenden Weichmacher. Allerdings stellte sich heraus, dass in den meisten Fällen die verfügbaren toxikologischen Daten unzureichend für eine Risikobewertung waren.

Darüber hinaus hat die Kommission darauf bestanden, dass nur solche Chemikalien in die Norm aufgenommen werden, die nach europäischen Chemikalienrecht als gefährlich klassifiziert sind (die Kommission war besorgt über die Verzögerungen bei der Normerstellung und wollte weitere Arbeitsverzögerungen verhindern). Somit werden nur 4 Weichmacher in die Normen (EN 71-9 bzw. -11), die 2005 erschienen, aufgenommen.

Ungeachtet dessen erfasste die analytische Arbeit des Verbraucherrates mehr als 20 verschiedene Weichmacher. Nach erfolgreicher Prüfung der Ergebnisse durch zwei Laboratorien (LGA, Nürnberg und AIJU, Alicante) konnte der Projektbericht im Februar 2003 fertig gestellt werden. Bald darauf wurde er von der CEN Arbeitsgruppe angenommen. Diesen Bericht gibt es hier als PDF-Datei zum Download (“Determination of plasticizers”, 567KB).

Der Verbraucherrat hat danach eine Folgestudie in Auftrag gegeben, um die Methode in der Praxis zu erproben. Es konnten die Ergebnisse der Validierung der ersten Studie bestätigt werden, wobei diesmal reale Spielzeugproben zum Einsatz kamen. Auf Weichmacher untersucht wurden 20 im Wiener Raum gekaufte Spielzeugproben. Bedenkliche Phthalate wurden in zwei Proben in höherer Menge gefunden. Auch diese Arbeit gibt es hier als PDF-Datei (“Plasticizers in toys: Method validation using toy samples and analysis of toys”, 3267KB).

Überarbeitung der Spielzeugrichtlinie

Die europäischen Normen für Chemikalien in Spielzeug decken nur einen kleinen Bruchteil der eingesetzten Stoffe ab. Sie können daher die Kinder nicht ausreichend schützen. Auch die 1988 beschlossene Spielzeugrichtlinie der EU (88/378/EEC) wies große Lücken in diesem Bereich auf. Daher haben die europäischen Verbraucherverbände ANEC und BEUC eine deutliche Verschärfung der chemischen Anforderungen bei der Überarbeitung der Richtlinie verlangt. Der Verbraucherrat hatte eine führende Rolle bei der Ausarbeitung mehrerer Positionspapiere, die in diesem Zusammenhang erstellt wurden.

Im Mittelpunkt standen dabei die Forderungen nach einem vollständigen Verbot von:

Außerdem wurde die Überprüfung von Stoffen verlangt, die das Hormonsystem stören können (endocrine disrupters). Eine andere Forderung war, in Spielzeug für Kinder bis 3 Jahre nur Stoffe zu gestatten, die als Materialien in Kontakt mit Lebensmitteln zugelassen sind. Schließlich wurde auch vorgeschlagen, dass Grenzwerte für andere problematische Chemikalien rasch von der Kommission im Rahmen eines sogenannten Komitologie-Verfahrens festgelegt werden können. Aus Verbrauchersicht schien es in Anbetracht der starken Dominanz der Wirtschaftsinteressen nicht angebracht, die Normungsgremien mit dieser Aufgabe zu betrauen.

Leider wurden diese Forderungen nur sehr beschränkt in der überarbeiteten Richtlinie (2009/48/EG) berücksichtigt. Es gab zwar beispielsweise ein (löchriges) Verbot von CMR-Stoffen, aber mit sehr hohen Konzentrationsschwellen. Die Verbraucherorganisationen waren überhaupt nicht zufrieden. Aber auch einige Mitgliedsstaaten und Prüfinstitute übten Kritik.

Die Schwachstellen wurden mehr und mehr deutlich. Immerhin erlaubt es die Richtlinie, Grenzwerte mittels Komitologie-Verfahren für Spielzeug festzulegen, welches für Kinder unter 36 Monate bestimmt ist, bzw. für anderes Spielzeug, das dazu bestimmt ist, in den Mund genommen zu werden. Im Oktober 2010 wurde auch eine Arbeitsgruppe gegründet, die solche Entscheidungen vorbereiten sollte. Der Verbraucherrat vertritt die europäischen Konsumentenorganisationen in diesem Gremium. Allerdings waren die Fortschritte bisher sehr gering. Eine umfassende Kritik der chemischen Bestimmungen der Spielzeugrichtlinie und der Aktivitäten dieser Gruppe gibt es in einem ANEC/BEUC Positionspapier, das unter Leitung des Verbraucherrates Ende 2012 erstellt wurde. Es ist hier als PDF-file (202KB) verfügbar).